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Aktuelle Frage


Back Keine Lust auf Geschwister

Frage:

Mein Mann und ich erwarten unser erstes gemeinsames Kind. Als ich meiner 6-jährigen Tochter aus erster Ehe davon erzählte, reagierte sie sehr heftig: Sie schrie, dass sie ein Einzelkind bleiben möchte und mich hauen beziehungsweise mir in den Bauch boxen werde. Ich bin total verzweifelt und schockiert, mit so einer Reaktion hätte ich nie gerechnet. Ich habe teilweise schon Angst um mein ungeborenes Kind. Wie soll ich mit meiner Tochter und ihren heftigen Reaktionen umgehen?

 

Das Team der Beratungsstelle antwortet:

Auch wenn derzeit (noch) nicht alle Familienmitglieder die Vorfreude teilen, möchten wir Sie dennoch zum erwarteten Familienzuwachs herzlich beglückwünschen! Es ist sicherlich für alle eine aufregende Zeit. Wenn ein Baby unterwegs ist, sind häufig hohe Erwartungen an Glück und Zufriedenheit damit verknüpft. Andere Gefühle wie Ängste, Zweifel, Unsicherheiten werden vergleichsweise ungern zugelassen. Dennoch gehören sie dazu – auch bei den Erwachsenen.

Ihre Tochter hat in Reaktion auf Ihre Ankündigung ihre Gefühle spontan und ungefiltert zum Ausdruck gebracht. Sie zeigte ihren Schock, ihre Angst, ihre hilflose Wut. Das war ehrlich und authentisch auch wenn es in keinster Weise Ihren Erwartungen entsprach. Verständlich, dass auch Sie darüber schockiert waren, vielleicht zudem sehr verletzt und enttäuscht, wenn Sie gehofft hatten, die Tochter würde Ihre freudigen Gefühle teilen.

Andererseits: wäre es Ihnen im Nachhinein wirklich lieber gewesen, sie hätte ihre starken Emotionen unterdrückt und stattdessen andere, „erwünschtere" Gefühle vorgetäuscht?

Sie wissen nun, dass die Ankunft eines Geschwisters gewaltige Ängste in der 6-jährigen hervorruft – so stark, dass die Freude, die sie vermutlich erhofft hatten zu vermitteln, erst mal gar keinen Platz hatte. Damit sich das mit der Zeit verändern kann ist es wichtig, ihr zu zeigen, dass alle Gefühle sein dürfen. Egal wie hefig oder gesellschaftlich unerwünscht, Gefühle können niemals falsch sein. Handlungen hingegen – andere schlagen zum Beispiel – sehr wohl.

Ihre Tochter hat keineswegs ungewöhnlich reagiert. Es gibt zahlreiche legendäre Sprüche aus Kindermund nach dem Motto „können wir das Baby wieder umtauschen? Ich hätte doch lieber einen Hund". Ihre Worte sprechen vielen Kindern aus der Seele, die plötzlich vom Einzel- zum Geschwisterkind werden. Da ist zum einen die Angst vor der ungewissen Veränderung, die auf sie zukommt: wie wird das werden, wenn ich die elterliche Liebe mit jemandem teilen muss? Wird das jüngere Geschwister mehr geliebt werden? Was werde ich noch alles teilen müssen? Wird Mama noch Zeit für mich haben? Zu all diesen Befürchtungen kommt verstärkend hinzu, dass der künftige Familienzuwachs Ihrer beider leibliches Kind ist, sozusagen die Krönung Ihrer Liebe, wohingegen Ihre Große aus einer vergangenen Beziehung stammt.

Mit ihrem Gefühlsausbruch hat Ihre Tochter deutlich zum Ausdruck gebracht, dass sie Ihre Hilfe braucht, um all diese unausgesprochenen Nöte sortiert zu bekommen.

Wie das gelingen kann? Zunächst einmal ist wichtig, dass sie einen Zeitpunkt wählen, zu dem Ihr erster Schock überwunden ist und liebevolles Verständnis für Ihre Tochter überwiegt. Ein wunderbares Mittel sind kleine Holz- oder Plastikfiguren, die man aufstellen kann. Es dürfen auch Tierfiguren oder simple Holzklötzchen sein. Auf jeden Fall: etwas zum Anfassen und Hin- und Herbewegen. Sie brauchen für jedes Familienmitglied eine Figur – auch für das Ungeborene und ebenso für den leiblichen Vater Ihrer Tochter. Dann beginnen Sie mit der Geschichte, als Sie beide noch ein Paar waren. Aus dieser Begegnung oder Liebe (wählen Sie selber das für Sie passende Wort) ist etwas ganz Wunderbares entstanden… Lassen Sie die Tochter ruhig raten – nämlich sie selbst! Damit wird sie immer ihren Platz als Ihr erstgeborenes Kind behalten. Dann geht es weiter mit der aktuellen Familiengeschichte. Wenn Sie ihr zeigen, dass sie auch hier ihren Platz hat und behält und wo künftig Platz für das Baby ist tragen Sie viel dazu bei, dass sie sich auch in der neuen Situation sicher, geborgen und geliebt fühlt. Dann hat sie eine Chance, selbständig liebevolle Gefühle für ihr Geschwisterchen zu entwickeln.

Sie und Ihr Mann können weiter ihre Sicherheit fördern, dass sie einen festen Platz in der Familie hat, wenn sie die große Schwester schon vor der Geburt in die Vorbereitungen miteinbeziehen. Nehmen Sie sie mit zum Einkauf und lassen sie sie selbständig etwas für das Baby aussuchen. Erlauben Sie ihr, mit Ihnen zusammen den Platz oder das Zimmer für das Baby zu gestalten und überlegen Sie mit ihr, was sie später als Große für ihr Geschwisterchen wird machen können. Vielleicht gesellt sich bald ein neues Gefühl hinzu: der Stolz, die große Schwester zu sein.

Und auch ein gesunder Realismus kann helfen: ja, wir Eltern werden manches Mal müde sein, wenn das Baby nachts schreit. Ein Baby braucht viel Zeit und Aufmerksamkeit von uns allen. Das wird schön und anstrengend zugleich.

Zu guter Letzt: bei allem Aufwand, den eine größere Familie bedeutet, kann es wahre Wunder wirken, wenn Ihre Tochter weiß, sie bekommt auch weiterhin regelmäßig Einzelzeit mit Ihnen und anderen wichtigen Bezugspersonen.